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Sylvia Dellinger  

Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz

Linkshänderberatung nach Dr. Sattler

 

 

 

Sylvia Dellinger: Rückschulungserfahrungen von Erwachsenen

 

Johanna, Rückschulungsbeginn mit 33 Jahren, Stand nach 5 Jahren, Interview

 

Wie geht es Ihnen?

Gut, sehr gut, alles wunderbar.

 

Ich kann mich gut erinnern – es war ja so, wie Sie es in der Email vorab geschrieben hatten: Sie haben die Rückschulung in aller Ruhe gemacht. Es hat Zeiten gegeben, da musste die Rückschulung auch ganz ruhen und dann gings irgendwann wieder weiter.

Richtig, also vor allem in der Zeit, in der Sie mich noch begleitet haben. Danach gab es immer mal so Phasen wo ich im Schnellschreiben auf rechts gerutscht bin. Aber je länger ich das auf links gemacht habe, desto unangenehmer war mir dann rechts und desto eher bin ich dann gleich wieder auf links gewechselt. So ein Wachstumsprozess, sag ich mal.

 

Das war 2011 als Sie sich bei mir gemeldet haben.

Kann sein, ja.

 

Können Sie sich noch erinnern, was für Sie der Anlass war, die Rückschulung in Angriff zu nehmen?

Der Anlass war mein linkshändiger Sohn, der war da drei Jahre alt. Mir ist relativ früh aufgefallen, dass er alles mit links macht. Da er ja mit Behinderung auf die Welt gekommen ist und wir eine Menge Baustellen hatten, war klar, dass er als Linkshänder in der rechtshändigen Welt, die so dominiert ist von Rechtshändigkeit auch gut begleitet werden muss, damit das jetzt nicht noch zusätzliches Thema wird. Sein eigentliches Thema aufgrund von Behinderung ist auch die Motorik. Das war für mich der Anlass zu gucken, wie ich ihn da sanft von frühester Kindheit an begleiten kann, dass er da quasi reinrutscht in diese Blattlage und Stifthaltung, was auch immer. Dass er gut auf sich und seinen Körper aufpasst und nicht im Hals diese Verkrampfung kriegt oder mit der Hand diese Hakenhaltung. Das war eigentlich so diese Initialzündung dass ich mich dahintergeklemmt habe. Da kam ich ziemlich schnell auf die Materialien von der Frau Sattler, dann auf die Bücher – und dann plötzlich hab ichs dann gelesen an der Stelle: Dass man eine Rückschulung auch als Erwachsener machen kann. So war der Weg.

 

Das war dann quasi als Vorbild für Ihren Sohn?

Nein, das nicht. Ich hab mir das Know-How angeeignet, um gut für ihn sorgen zu können. Ich kann mich aber erinnern, dass ich seit...ich bin als Kind schon immer als Linkshänder diskriminiert worden. In meiner Familie bin ich täglich mit der Nase draufgestubst worden, den Löffel doch gefälligst mit rechts zu nehmen. Ich bin 85 eingeschult worden und ich bin noch massiv auf rechts getrimmt worden. Ich durfte mir mein ganzes Leben lang meine Haltung mit dem Löffel anhören, musste mir permanente Kritik an meinem Schriftbild anhören, die ganze Schulzeit hinweg und auch noch heutzutage. Als ich aufgehört habe mit rechts zu schreiben, seitdem hat sich das erledigt. Die Schrift mit rechts war durchgehend wechselhaft, da gabs keine Struktur in dieser Schrift, die sah jeden Tag in jeder Minute gefühlt anders aus, ich hab mich auch nicht wohl gefühlt, ich war nicht im Reinen mit mir. Und als ich das dann gelesen habe, dachte ich „schlimmer kanns nicht werden, rechtshändig zu schreiben kenne ich schon, das ist irgendwie blöd gewesen“. Dann hab ich das auch irgendwie als Chance gesehen nochmal was für mich zu tun. Schlechter konnte es nicht werden, als das, was ich schon durchgemacht habe. So dachte ich „probiers halt“.

 

Wie gings Ihnen den während der Rückschulung? Von Ihrer Motorik aus betrachtet, wie sind Sie denn damit zurecht gekommen – mit den Übungen ?

Die Schwungübungen, die fand ich langweilig.

 

Das sind sie auch.

Was ich total gerne gemacht hab, war dann das Buchstabenschreiben, wie Sie es mir dann empfohlen haben – das ist aber auch eine Affinitätsgeschichte, das hab ich gerne gemacht. Das in den Alltag einzubauen im nächsten Schrit, das war dann natürlich nochmal ein größerer Schritt. Je länger ich das gemacht habe, desto seltener bin ich zurückgehopst auf rechts oder umso schneller wieder zurück auf links. Und das ging immer besser. Es hat sich von Anfang an richtig angefühlt, selbst wenn es erstmal mehr Arbeit war. Ja, und 5 Jahre später bin ich jetzt so weit, dass ich schon mit links unterschreibe. Ich hab mir nie Druck gemacht.

 

Ja, daran kann ich mich noch gut erinnern. Das war für mich richtig auffällig, dass Sie da so ein gutes Gespür hatten, wo es gut tut, und an welcher Stelle es nicht mehr gut tut. Und welche Übungen schön waren und Ihnen was gebracht haben – und welche weniger.

Ja das, was ich vorher gelesen hatte von der Frau Sattler – da wird viel darauf Wert gelegt, dass du das in Ruhe machst, eher nachhaltig – dass man mehrere Anläufe braucht. Von daher hatte ich nie eine Deadline bis wohin das erledigt sein musste. Da war eher so der Weg das Ziel, dass ich mir was Gutes tue – und das war für mich in dem Moment schon immer getan, in dem ich links geschrieben habe.

 

Das Gute für Sie war das Schreiben mit links?

Richtig, damit gings nicht um das Ziel, der Weg war ja schon das Positive.

 

War das auch die Erwartung an die Rückschulung?

Richtig, das fühlte sich auch viel besser an, als mit rechts zu schreiben, definitiv, das war einfach schön.

 

Hat sich denn in der Zeit der Rückschulung für Sie vom Emotionalen her etwas verändert? Bezogen auf die Händigkeit oder andere Themen?

Es passt einfach zu mir mit links zu schreiben, das Schriftbild ist einheitlich. Am Anfang als ich die Buchstaben noch schreiben lernen musste bis jetzt, das hat sich nochmal geändert. Aber im Prinzip habe ich jetzt ein komplett einheitliches Schriftbild. Ich schreib auch leichter, es tut mir gut. Was hat sich verändert? Ich bin mehr bei mir angekommen. Ich bin mehr ich, es gehört zu mir. Das vorher gehörte nicht zu mir. Ich bin vorher für irgendwas kritisiert worden, was eigentlich gar nicht meins war. Diese Schrift jetzt, das ist meine, die gehört zu mir, das passt irgendwie, das ist so eins, das fühlt sich gut an.

 

Gabs denn Konflikte mit Ihrem Umfeld, wenn Sie sagen, Sie sind da mehr zu sich gekommen – das wäre ja nicht ungewöhnlich.

Nein, wir wohnen weit weg von der Familie, das heißt, die kriegen meinen Alltag nicht so mit. Und mein Mann hat mich von Anfang an unterstützt. Einfach auch generell was mit unserer Grundbasis als Ehepaar zu tun hat, wir unterstützen uns gegenseitig. Und wenn der eine sagt, das ist wichtig für ihn, das möchte er jetzt machen, dann geht der andere da mit. Und so war das dabei auch.

 

Es gab also keine negativen Auswirkungen?

Garnicht. Ich denke mal für meinen Sohn bin ich authentischer, weil ich ihm das auch zeigen kann, wie ich mit links schreibe. Konflikte gab es überhaupt nicht.

 

Würden Sie sagen, dass Ihre Rückschulung abgeschlossen ist?

Nein, noch nicht ganz. Aber gut, ich lass mir auch Zeit. Ich merke, bei Unterschriften zum Beispiel,

wenn der Postbote kommt, oder wenn ich noch schnell irgendwo was unterschreiben muss, dann rutsche ich – und das ist aber auch das Einzige – dann rutsche ich nochmal auf die rechte Hand. Aber im Alltagsschreiben bin ich zu 98 Prozent generell auf links. 2018 muss ich einen neuen Personalausweis beantragen. Ich bin innerlich so weit, dass ich dann mit links unterschreiben werde. Und dann ist für mich dieser Wechsel vollkommen. Weil dann kann ich ja mit rechts nicht mehr unterschreiben, das ist ja dann nicht mehr meine Unterschrift.

 

Die Unterschrift im Personalausweis ist nochmal was ganz besonderes?

Ja, für Unterschriften muss ich teilweise noch auf rechts wechseln, aber das ist so garnicht mehr meins. Der komplette Vollzug ist dann tatsächlich mit dem Ausweis dran. Dann ist das Thema komplett abgeschlossen. Bis dahin lasse ich mir noch ein bisschen Zeit.

 

Dann erübrigt sich ja die Frage, ob sie die Rückschulung wieder beginnen würden, weil alles sehr positiv gelaufen ist?

Ja, jederzeit wieder. Ich hab mich halt auch nicht selber unter Druck gesetzt, das war für mich kein Wettbewerb.

 

Es dauerte bei Ihnen insgesamt etwa 5 Jahre, wenn ich sie richtig verstanden hab.

Ja, ich hab immer mal Pausen gemacht, da waren immer mal Rückschritte, ja, 5 Jahre. Der Ausweis ist erst 2018 dran, von daher sinds nochmal zwei Jahre drauf. Ich hab auch nie an irgendeinem Punkt das Gefühl gehabt, ich bin zu schnell gewesen.

 

Sie mussten im Alltag in der Anfangsphase auch nicht mit der Hand schreiben?

Ich hab ja dann angefangen zu studieren, da musste ich dann mit der Hand schreiben. Dann gab es zwei Jahre viel Ruhe, was mit der Hand schreiben angeht, das war o.k. und danach hab ich zwei Weiterbildungen angefangen 2014 und 2015. Dann hab ich 2015 noch eine weitere Ausbildung angefangen, das war gut, dass ich drei Jahre Vorlauf hatte. Jetzt muss ich viel mir der Hand schreiben. In dem Stadium jetzt, kann ich es schnell. Wenn ich diese Anlässe schon am Anfang gehabt hätte, ich glaube, dann wärs mir einfach zu schnell gewesen und zu frustig. Dieser Vorlauf von 2-3 Jahren, um das überhaupt mal ein bisschen zu verinnerlichen und dann erst schnell schreiben müssen in dieser Menge – der Vorlauf war schon gut so.

 

Wie alt waren Sie damals, als Sie begonnen haben?

33.

 

Frau …, das freut mich sehr, von Ihrer Rückschulung so positiv zu hören, gerade weil ich von anderen Rückschulungen weiß, bei denen es nicht so ideal gelaufen ist. Vielen Dank...