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Sylvia Dellinger (vormals Weber)

Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz

Linkshänderberatung nach Dr. Sattler

 

94447 Plattling, Landauer Str. 89

 

Tel. Sprechzeit Mo. - Fr. 12 - 13 Uhr: 09931 - 98 27 132

 

 

Sylvia Dellinger: Rückschulungserfahrungen von Erwachsenen

 

Susanne, Rückschulungsbeginn mit 32, Stand nach 10 Jahren, Interview

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Seit ich M. kennengelernt habe, schreibe ich nicht mehr mit links beim Unterrichten, auch zu Hause nicht. Ich nehm den Stift ganz oft wieder nach rechts, dann wird halt geschrieben und fertig. Und ich hab meine Schulterschmerzen wieder, die ich wirklich ganz los war. Irgendwie bin ich da – wie soll ich sagen – wieder rückfällig. Was ist das? Ich hab eigentlich versucht, es leichter zu nehmen und mirs nicht aufzudrücken mit dem links schreiben.

 

Das Sie das auch mit rechts dürfen?

Ja, das war irgendwann mühsamer mit links.

 

Und dann kamen die Schmerzen wieder?

Ja, ich weiß halt nicht, ob das wirklich nur durch die Umgeschultheit war. Es hängt auch viel mit der Psyche zusammen, was hab ich mit meinen Eltern, mit Männern im Allgemeinen, komische Einstellung irgendwie, alles arbeitet wieder in mir, ich bin an einem Punkt angekommen, wo ich schon mal war.

 

Haben Sie denn das Gefühl, dass die Rückschulung abgeschlossen ist?

Nein.

 

Bei Ihnen ist das so, dass Sie das Gefühl haben, dass Sie da wieder an alten Themen dran sind?

Da frag ich mich, ob die Rückschulung oder dieses plötzliche wieder Rechtsschreiben damit zu tun hat. Und ich schaffs einfach nicht, Lebenssituationen anzunehmen, wie sie sind, seien sie auch noch so komfortabel. Das ist unglaublich, also, jeder, der mich hier sehen würde, würd sagen, mein Gott, Mädel, jetzt sei mal einfach zufrieden.

 

Sie haben Ihr ganzes Leben in einem Konflikt gelebt, Sie haben in einem Zwiespalt gelebt, das Komfortable ist ein sehr ungewohnter Zustand für Sie? Eine Idee...

Ja, und da kommen mir grad die Tränen, ich glaub die ist gar nicht so schlecht. Das geht ziemlich tief. Aber ich merke einen ziemlichen Widerstand, wenn Sie sagen, ich habe über Jahre in diesem Konflikt gelebt, ich habe das Gefühl, ich lebe immer noch in diesem Konflikt links-rechts. Manchmal ist in meinem Gehirn durchaus noch die Frage, „sag mal, bist du wirklich umgeschulter Linkshänder?“

 

Da ist in Ihnen etwas noch nicht im Reinen?

Ja, genau. Und das ist so, dass hier die Außenwelt, so z.B. der M., der findet das gar nicht so fragwürdig wie der H. das immer fand, diese ganze Forschung. Der M. hat mir eine Linkshändergitarre geschenkt und ich hab mit links angefangen Gitarre zu spielen. Ich hab das dann wieder sein gelassen, es kamen dann wieder diese Zweifel, mache ich hier nicht einfach nur ein großes Tamtam?

 

Das hört sich an, als wäre es ein altes Thema: großes Tamtam machen...

Ja.

 

Könnte man sagen, sich selbst sehr wichtig nehmen ist schlecht?  

Das finde ich auch ganz scheußlich an mir, dass ich da so negativ auf Komplimente reagiere. So als hätte ich es nicht verdient. So als war das nur lächerlich. Und da spür ich so eine Verachtung, das ist so komisch.

 

Diese Verachtung – von der ich auch nicht weiß, wie sehr sie mit der Umschulung zusammenhängt, aber das ist wirklich etwas, was Sie für sich nochmal anschauen können, welchen Anteil von sich Sie so sehr verachten. Wenn Sie zulassen, dass das so bleibt, kann es sein, dass das zerstörerisch wirkt.

Ja, ich merks, ich bin auf dem Sprung etwas kaputt zu machen, was eigentlich gut für mich ist.

 

Aus Selbstverachtung kommt der Impuls zur Zerstörung von etwas, was einem gut tun könnte.

Ich habe meinen Eltern auch nie geglaubt, dass ich schön Geige spiele, weil ich gedacht hab, das müssen sie ja sagen, ich bin ihre Tochter, außerdem müssen sie mich ermutigen, das ist so ein Elternding. - Der Gedanke hat schon gegärt: Warum schreibe ich wieder mit rechts, warum nicht mit links?

 

Wenn sie es aus dem Blickwinkel anschauen, das Sie sich selbst dadurch im Moment wenig Raum geben?

Ist da der Tipp wieder vermehrt was mit links zu tun, auf liebevolle Art und Weise? Könnte es helfen?

 

Zumindest wäre es sicher interessant für Sie zu sehen, was es mit Ihnen macht. Schaun Sie das einfach mal an. Und wie Sie sagen – machen Sie es liebevoll – es kann sein, dass es mit dem verachteten Anteil von Ihnen etwas zu tun hat. Wenn Sie sich selbst quasi als Kind an die Hand nehmen, „komm jetzt machen wir mal wieder was mit links...“ so auf diese Art vielleicht - und spüren Sie nach, wie es Ihnen damit geht.

Das versuche ich, ja.

….

Wann haben Sie mit der Rückschulung angefangen?

Das müssen schon zehn Jahre her sein, da war ich 32.

 

Können Sie sich noch erinnern, was Sie damit erreichen wollten?

Einen Befreiungsschlag - ich hätte es gerne gehabt, dass sich ein Tor öffnet, dann ist da goldenes Licht – und alles ist gut.

 

Das klingt jetzt so, als wäre das nicht so eingetreten.

Nein, einmal habe ich eine Geige linksrum aufgezogen und hab dann versucht, eins meiner Lieblings-Fiddle-Stückchen linksrum zu geigen, was musikalisch betrachtet überhaupt keinen schönen Effekt hatte, aber in meinem Hirn sind wie so kleine Explosionen passiert und ich hab gedacht, ich hätte irgendwie ein Heiligenbildchen gesehen oder Maria, es war wirklich gigantisch, es war ein mords Erlebnis - so was hätte ich mir gewünscht. Das habe ich mit der Geige aber nie gemacht – da hätte ich schon zwei Jahre einberechnen müssen und sagen müssen, ich spiel nicht mehr mit rechts, der berufliche Rahmen wär dann nicht mehr möglich gewesen.

 

Ich denke auch, dass bei Ihnen das Schreiben das eine ist und das Geigen das andere. Ihr Tägliches ist ja das rechtsgeführte Geigen – ich befürchte, dass sich das massiv auswirkt auf Ihr Händigkeitsgefühl.

Wie könnte ich dem denn begegnen, das ist garantiert so. Und dann fragt mich mein Partner abends, sollen wir noch zusammen Musik machen und ich habe das Gefühl oh nein, mit einem Übelkeitsgefühl dabei, nein, nein, ich will die Geige jetzt nicht in die Hand nehmen, aber eigentlich ja schon, weil wir dann zusammen spielen können.

— Ich überlege die ganze Zeit: Was macht mir in meinem Beruf keinen Spaß? JessesGott. Und ich hab jetzt vor in einem ganz großen Orchester mitzuspielen, das ist ein tolles Ding, das habe ich seit meiner Kindheit nie mehr gemacht, ich spiele ja immer Barockgeige oder in einem kleinen Ensemble, wo man fast solistisch tätig ist. Aber jetzt in einem großen Symphonieorchester, das war halt immer der Traum meiner Kindheit - das zu machen! Und jetzt mache ich das Ende Juli einmal, da ist das Programm ein rockiges, vor 23 Jahren hab ich das mal mit einem Musikschulkollegen gegründet, dieses Orchester besteht seither und ist sein Lebenswerk, da darf ich mitspielen. Im November darf ich auch bei einem klassischen Konzert mitspielen, wo sie meine Lieblingssymphonie spielen. das wollte ich auch schon immer, das ist mir in den ganzen Jahren nicht untergekommen, aber dieses Jahr wird’s passieren. Ich möchte es gerne machen und ich merk aber, dass ich immer irgendwie hinterfrage: Bin ich dazu in der Lage? Und das ist so dumm, weil: natürlich bin ich dazu in der Lage, auch rechtsrum, ja mehr als linksrum. Und mit dem M. zusammen hab ich schon viel überlegt, ja, Mensch, wenn ich keine Lust mehr zum Unterrichten hab, könnte ich dann nicht auch was ganz anderes machen? — Wenn ich sage M. ich versuch das jetzt zwei Jahre, mich auf die linke Hand rückzuschulen mit der Geige, dürfte ich das. Er würde mit Ohrstöpseln einfach weiter mit mir Musik machen und ich würde meine Fiddle-Stücke schon mal üben, vielleicht geht auch der Rest noch mit links. Was für ein Gedanke! Da wird mir ganz schwindelig. Dann dürfte ich auch keine Konzerte mehr annehmen und ich hätte meine Barockgeigenkontakte nicht mehr, Orchesterspielen wäre dann hinterher nichts mehr.

 

Da müssten Sie sehr viel aufgeben.

Ja, ja. Mit ihm Konzerte machen oder auf Empfängen spielen, das hatten wir jetzt am Samstag gemacht, das macht ja total Spaß, wenn die Leute Sekt trinken und nebenbei zuhören. Das wäre schon auch meins.

 

Da gäbs also auch etwas, das Spaß macht und Ihrs wär?

Ja, das macht auch Spaß mit rechts, da kann ich auch ganz viel auswendig spielen und hab überhaupt keine Schwierigkeit, das ist ja alles nicht so schwer, so ernst, wenn da was passiert, ists nicht so schlimm.

 

Was diese größeren Projekte anbelangt, da schwingt immer eine Unsicherheit mit, ob Sie das schaffen, da ist so ein Druck. Wovon Sie jetzt sprechen, da fehlt der Druck. Da können Sie nochmal hinspüren: Brauchen Sie die Herausforderung, das Anspruchsvolle, das Orchesterspielen, brauchen Sie das in ihrem Leben, in dem Sinn, dass es Sie glücklich macht, oder ist es für Sie eine Option, den ganz leichten Weg zu gehen, ohne Druck, der vielleicht eine kleinere Befriedigung bringt.

Ich hab immer gedacht bisher, ich leb vom Orchesterspielen, von diesen Barockensemblegelegenheiten und freu mich immer riesig, wenn eine Anfrage kommt. Da verdiene ich auch am meisten Geld.

….

Die Umgeschultheit ist ein dickes Thema, immernoch. Ich denke immer mal wieder den Gedanken: Du weißt es doch und hast dich doch bemüht, und jeder in deiner Umgebung weiß es und ich rede auch gar nicht mehr so viel drüber wie früher. Jetzt müsste sich das Thema dann doch mal beruhigen. Tut es aber anscheinend überhaupt nicht. Ich frage mich ob es umgeschulte gibt, die ihren Frieden gefunden haben. – die wissen, das brauche ich für mich, das muss ich machen. Oder ist das ein Thema für alle? — Wenn ich das dann mal aus der Umgeschultenperspektive betrachte – natürlich bin ich selber einer und stecke mittendrin – es ist immer so, dass ich andere Menschen angucke, sei es mein Partner oder meine Freundinnen, die nicht umgeschult sind und denke, warum können die dieselbe Situation, die ich auch hab so leicht ertragen. Für mich sieht das immer dramatischer aus und wenn wir drüber reden ist das irgendwie auch immer dramatischer. Also von daher würde ich schon sagen, ich habe alles schon immer stärker empfunden, ich empfinde das Dilemma immer stärker. Ich kann alles weniger leicht einfach annehmen als Schicksal oder als Lebenssituation. Das Leben selbst ist immer gleich angegriffen, mein Sein.

 

Alles, was andere an Sie herantragen, empfinden Sie sehr schnell als bedrohlich. Das könnte mit dem Übergriff der Umschulung zusammenhängen, der dann gleich wieder da ist.

Ja. Ja, da ist keine Trennung zwischen der einfachen Lebenssituation, meinem Sein, mir selbst.  

….

Noch eine Frage zu Ihrer Rückschulung: Was haben Sie statt des erwarteten Befreiungsschlags erlebt?

Eine Zeit lang ein absolutes Hochgefühl, den Stein der Weisen gefunden zu haben, der war aber ziemlich schwer zu tragen, dieser Stein.

 

Was ist so schwer gewesen?

Die psychische Sache war schwer zu tragen. Es ist ja noch nichts gelöst, es ist ja bis heute noch nicht wirklich gelöst oder angenommen – vielleicht hab ichs auch nicht genug versucht?! Das kann auch sein, dass ich da nicht hinterher war, dass ich mich da nicht genügend bemüht hab – auch damit meinen Frieden zu machen. Weil ich gedacht hab jetzt ists aber mal genug mit rumjammern und das Thema nervt ja schon jeden in meiner Umgebung.

 

Gibt es irgendetwas, das Ihnen in der Situation jetzt helfen könnte – wenn Sie sagen, es ist bis heute nicht gelöst – wie könnte es denn zu einer Lösung kommen? Jetzt mal rein theoretisch, egal, ob das jetzt möglich ist oder nicht.

Rein theoretisch? Linksrum Geige lernen, das wär der Hammer.

 

Ich frage mich gerade, wo Sie denn in Ihrer Rückschulung stehen.

Ganz am Anfang – das mit dem Linksschreiben ist überhaupt kein Problem.

 

Ja, weil bei Ihnen die Geige das Problem ist. So kristallisiert sich das immer wieder heraus. Sehen Sie positive Wirkungen, dass Sie die Rückschulung zum Schreiben begonnen haben?

Ja, es ist schon schön zu sehen – ich mag die Handschrift links, sie anzugucken. Irgendwie ist das auch mühevoll. Linksrum zu schreiben ist für mich im Augenblick mühseliger und rechtsrum zu schreiben nachhaltiger mühsam. Das merke ich dann in dem Moment nicht so, aber hab dann halt  wieder Schulterschmerzen, längerfristig. Eigentlich – aber wenn ich das jetzt weiß, wenn ich das dann so sag, kann ich mich ja entscheiden.

 

Zumindest wieder mehr mit links zu machen... Jetzt bin ich doch ziemlich beeindruckt was Sie mir beim Thema Rückschulung alles gesagt haben. Auch weil wir lange über Beziehung gesprochen haben und über die Geige. Ich finde das so eine fatale Sache für Musiker, weil das Problem immer wieder auftaucht, dass es eigentlich ums Instrument geht.

Ja und ich schule deswegen auch keine Schüler mehr um. Wenn die Kinder linkshändig sind, dann fangen sie auch links an. Die Eltern sind dann auch meist ganz munter bei der Sache und ich sag, wenn sie jetzt Musik studieren wollten, würden sie wahrscheinlich nicht an der Musikhochschule angenommen und im Orchester spielen auch nur ganz selten Linkshänder. Es ist aber für die Eltern in Ordnung.

 

Ist das denn wirklich noch so rückständig?

Ja, als ich meine Lieblingssymphonie auf Youtube gesucht habe, habe ich ein dänisches Orchester gefunden, da sitzt ein Linkshänder-Cellist drin. Also wirklich ein Profi – ein sehr gutes Profiorchester. Ich kenn nicht viele, die mit links Unterricht haben, im Umkreis von 50 km von hier kann ich locker sagen, dass ich die einzige bin.

 

Wie ist es denn für Sie, die Kinder mit links anzuleiten?

Überhaupt kein Thema, gar keins, ich muss ja nicht auf ihrer Geige spielen. Und dieses Spiegelbildliche finden die Kinder auch nicht komisch. Und die anderen, die mit den Linkshändern zusammen spielen, die wissen genau, wie sie sich mit ihrem Kumpel da hin stellen müssen. Die haben sich so zurecht geruckelt und wenn meine Spieler im Orchester mitspielen – meine Cello-Kollegin findet das auch nicht mehr komisch, die sagt da nichts – hier ist die Welt in Ordnung.

 

Je nachdem wie die Musikpädagogen mit dem Thema umgehen, die Kinder haben wohl das kleinste Problem?

Wobei aber eine linkshändige Schülerin gerne auf links wechseln wollte und dann hat meine Kollegin in … gemeint, nein, Linkshänder kann sie nicht unterrichten, sie selber kanns ja nicht mit links. Dann hab ich gesagt, ich kanns ja auch nicht. Da dann rumzureden ist so müßig, das hab ich ja auch viele Jahre gemacht. Jetzt bin ich selbstständig und da redet mir keiner rein und wenn ich mit den Eltern im Reinen bin, dann ist alles gut.

 

Das freut mich sehr, dass Sie da Ihre berufliche Position gefunden haben, was die linkshändigen Kinder anbelangt.

Da musste ich auch erstmal richtig rumprobieren - was kann ich sagen, was will ich sagen – es war dann leichter als gedacht.

 

Wenn man seine Position hat, ist es gar nicht mehr so schwer.

Genau. Ich wäre echt froh, wenn ich mit Leichtigkeit unterrichten könnte, es wirklich so leicht nehmen, wie ich es gerade gesagt habe.

 

Dass Sie es sich selbst auch leicht machen?

Ja, das Unterrichten nicht so verbissen sehen würde. Dass da so viel rauskommen muss. Vielleicht ist diese Verbissenheit auch ein großer Teil von der Verbissenheit, die gebraucht habe um rechtsrum gut Geigen zu können. Mein Ausbilder, mein Mentor guckt mich immer ganz erstaunt an, wenn ich wieder einen solchen Zusammenbruch hab, von wegen ich kann das ja überhaupt nicht. Dann sagt er na ja, also, eigentlich – du machst das doch super, mach doch einfach weiter.

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